*Rezension* Meine geniale Freundin / Elena Ferrante

Vor einigen Monaten brach in Deutschland unter LiteraturliebhaberInnen eine ansteckende Krankheit aus – das sogenannte „Ferrante-Fieber“. Ausgelöst wurde diese Krankheit durch das Erscheinen des Buches „Meine geniale Freundin“, dem Auftakt der vierteiligen Neapolitanischen Saga von Elena Ferrante. Lange ist es mir gelungen, mich vor einer möglichen Ansteckung zu schützen. Doch nun hat mich das Ferrante-Fieber auch erwischt. Allerdings nur in sehr milder Form, mit leicht erhöhter Temperatur. Die erwarteten Fieberschübe blieben bei mir aus …

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Suhrkamp / gebundenes Buch mit Schutzumschlag / 422 Seiten / 29.08.2016 / 22,00 EUR

Best Friends Forever

Als die 66-jährige Raffealla „Lila“ Cerullo von einem Tag auf den anderen spurlos verschwindet, beginnt ihre beste Freundin Elena, die Geschichte ihrer gemeinsamen Kindheit und Jugend sowie die ihrer Freundschaft niederzuschreiben. Damit beginnt auch die Neapolitanische Saga der gefeierten italienischen Autorin Elena Ferrante, die trotz (oder wegen?) ihres Erfolgs ein Leben in der Anonymität gewählt hat. Ferrante lässt ihre Protagonistin Elena „Lenù“ Greco erzählen: Von den Kinderjahren, die sie zusammen mit ihrer Freundin Lila im Rione, einem Stadtteil von Neapel, verbrachte. Von den Bewohnern des Rione, die teils gefürchtet, teils geachtet oder auch verachtet werden. Vom Wettbewerb um den Rang der Klassenbesten in der Grundschule. Von Streitigkeiten, Missgunst und Gewalt unter den Familien des Stadtviertels. Von den Veränderungen, die mit dem Älterwerden und der Pubertät einhergehen – körperlich und emotional. Und natürlich von ersten Liebelein, Eifersüchteleien und Beziehungskisten. Im Mittelpunkt steht dabei stets die Freundschaft der beiden Mädchen, eine Freundschaft, die zwar beständig ist, aber dennoch von Höhen und Tiefen, von Nähe und Entfremdung geprägt wird.

Furore um Ferrante

Obwohl ich den Roman sehr gerne gelesen habe, kann ich den Hype um die Saga, diese Furore um Ferrante nicht völlig nachvollziehen. Beim Lesen habe ich mich des Öfteren gefragt, was den Reiz, was den Erfolg dieses Titels ausmacht. Liegt es am nostalgischen Charme, am italienischen Flair – schließlich ist die Geschichte im Italien der Fünfziger Jahre angesiedelt -, dass das Buch bereits seit etlichen Wochen die Bestsellerlisten beherrscht? Oder an den scharf gezeichneten Figuren der beiden Freundinnen, an ihrer faszinierenden Unterschiedlichkeit, ihrer Freundschaft, die über sechs Jahrzehnte bestehen bleibt? Ist es möglicherweise die Sehnsucht der Leserinnen und Leser nach solch einer innigen, treuen, dauerhaften Freundschaft, wie sie in „Meine geniale Freundin“ dargestellt wird? Oder liegt der Erfolg des Buches in dessen überzeugender Vermarktung begründet? Ich weiß es nicht. Tatsache ist jedoch, dass sich die Ferrante-Titel bestens verkaufen, und einen Grund dafür gibt es sicherlich.

Das gewisse Etwas … fehlt

Keine Frage – es macht Spaß, dieses Buch zu lesen. Ferrante schreibt unterhaltsam und fesselnd. Die Geschichte entwickelt eine Sogwirkung, der man sich nur schwer entziehen kann. Zwar gibt es keinen klassischen Spannungsbogen, keine nennenswerten Highlights in der Handlung. Trotzdem gelingt es der Autorin, ihre Leserschaft bei der Stange zu halten, mitzureißen, in ihren Ferrante-Bann zu ziehen. Auch ihre Charaktere setzt Ferrante sehr gekonnt in Szene. Besonders die Ich-Erzählerin und Protagonist Elena wird authentisch portraitiert – mit all ihrer Unsicherheit, ihrem Lerneifer, ihrem Neid gegenüber der Freundin und der gleichzeitigen Zuneigung zu Lila. Als Elena von ihrer Teenagerzeit erzählt, tut sie dies so glaubwürdig, dass ich mich selbst in diese Zeit zurückversetzt fühlte und mich in vielerlei Hinsicht mir ihr identifizieren konnte. Wie Elena kannte ich den zweifelnden und verzweifelnden Blick in den Spiegel, den brennenden Wunsch nach einer besten Freundin und das zermürbende Vergleichen mit anderen Mädchen.

Und doch: Mir persönlich hat bei diesem Buch das gewisse Etwas gefehlt, das meiner Meinung nach zu einem hervorragenden literarischen Werk gehört. Das gewisse Etwas, was für Ergriffenheit, Erstaunen, Erschütterung oder schlichtweg für restlose Begeisterung sorgt. Die Lektüre hat nichts davon bei mir ausgelöst. Die großen Erwartungen, die ich aufgrund des Hypes und diverser Lobeshymnen an den Roman hatte, wurden nicht erfüllt. Konnten wahrscheinlich gar nicht erfüllt werden, da sie einfach zu hoch waren … Das ist eben das Risiko, wenn ein Titel zu intensiv vermarktet und gehyped wird: Die Erwartungen der Leserschaft werden dermaßen in die Höhe geschraubt, dass das jeweilige Buch ihnen kaum vollständig gerecht werden kann.

Es geht weiter

Wie anfangs erwähnt, hat „Meine geniale Freundin“ zu erhöhter Temperatur bei mir geführt, wenn auch nicht zum Ferrante-Fieber. Aber immerhin! Ich werde mich also demnächst in die weiteren Bände der Saga vertiefen. Schließlich gab es am Ende dieses Auftaktes einige offene Fragen, sodass ich unbedingt wissen möchte, wie es mit Elena und Lila weitergeht. Fieber hin oder her …

Der Folgeband „Die Geschichte eines neuen Namens“ ist am 10.01.2017 bei Suhrkamp erscheinen, Teil 3 („Die Geschichte der getrennten Wege“) und Teil 4 („Die Geschichte des verlorenen Kindes“) werden ab Mai beziehungsweise Oktober diesen Jahres erhältlich sein.

Weitere Besprechungen

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Meine geniale FreundinKlappentext: Sie könnten unterschiedlicher kaum sein und sind doch unzertrennlich, Lila und Elena, schon als junge Mädchen beste Freundinnen. Und sie werden es ihr ganzes Leben lang bleiben, über sechs Jahrzehnte hinweg, bis die eine spurlos verschwindet und die andere auf alles Gemeinsame zurückblickt, um hinter das Rätsel dieses Verschwindens zu kommen. Elena Ferrante hat ein literarisches Meisterwerk von unermesslicher Strahlkraft geschrieben, ein von hinreißenden Figuren bevölkertes Sittengemälde und ein zupackend aufrichtiges Epos – über die rettende und zerstörerische, die weltverändernde Kraft einer Freundschaft, die ein ganzes langes Leben währt. (Quelle: Suhrkamp) 

Das gleichnamige Hörbuch ist bei der Hörverlag erhältlich.


11 Gedanken zu “*Rezension* Meine geniale Freundin / Elena Ferrante

    • Danke dir, Nela! 🙂
      Dann wünsche ich dir jetzt schon mal viel Vergnügen mit dem ersten Band! Auch wenn ich mich ein bisschen kritisch zu diesem Buch geäußert habe – lesenswert ist es auf jeden Fall. 🙂 (Ich werde mir demnächst auch Teil 2 kaufen.)

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  1. Bei mir verlief die Temperaturkurve genauso wie bei dir (muss der gleiche Virus gewesen sein, oder unsere Abwehrkräfte sind einfach zu gut ;)) Ich muss allerdings warnen: Erneutes Aussetzen führte bei mir zu stärkeren Krankheitszeichen. Also Vorsicht bei Band 2! Danke fürs Verlinken!

    Gefällt 1 Person

    • Ist schon witzig, wie unterschiedlich das Immunsystem auf dieses Buch reagiert. 😉 Aber ein bisschen ist die Krankheit bei mir schon ausgebrochen, denn ich hätte mir den zweiten Teil heute beinahe gekauft. Konnte mich aber noch zurückhalten, weil ich mich dann doch für den neuen Suter entschieden habe. 🙂

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  2. Hallo,
    meine Rezi erscheint erst am 1. Februar auf meinem Blog, aber mir ging es ähnlich wie dir. Allerdings weiß ich nicht, ob ich den zweiten Band noch lesen werde. Ich meine, die Geschichte ist nicht wirklich schlecht, aber auch nicht so gut, dass ich den zweiten Band gar nicht mehr erwarten könnte. Warten wir es ab, wenn ich viel Zeit habe ….

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    • Hallo Tanja,

      dann bin ich mal auf deine Rezension gespannt. 🙂 Die Meinungen gehen bei diesem Buch ja echt weit auseinander. Und ich kann verstehen, wenn man die Folgebände nicht unbedingt lesen „muss“. (Schließlich gibt es soo viele gute Bücher. :-)) Aber ich habe mich nun entschieden, dem zweiten Teil noch eine Chance zu geben und freue mich sogar schon ein bisschen darauf. 🙂

      Lieben Gruß von Tina

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