*Rezension* Wir haben das KZ überlebt – Zeitzeugen berichten / Reiner Engelmann

Am 9. November 1938 hat sich die Programnacht – auch Reichskristallnacht genannt – ereignet. Ein grausames Ereignis, bei dem nationalsozialistische Bürgerinnen und Bürger deutschlandweit unzählige jüdische Geschäfte, Wohnungen und Synagogen zerstört haben und bei dem mehrere hundert Juden ums Leben gekommen sind. Ein Ereignis, dass sich nicht wiederholen darf. Aus diesem Grund wird Jahr für Jahr am 9. November der Opfer dieser Nacht und des Holocaust gedacht. Und aus diesem Grund habe ich Reiner Engelmanns Buch „Wir haben das KZ überlebt – Zeitzeugen berichten“ gelesen. Denn ich möchte regelmäßig und bewusst daran denken, was in Deutschland vor fast 80 Jahren geschehen ist. Ich bin „Gegen das Vergessen„.

2015-11-11 18.15.31

gebunden / 256 Seiten / cbj / 28. September 2015 / Jugendbuch ab 12 Jahren / 16,99 €

• Verlagsseite  • Leseprobe •

Der Inhalt

Wer Überlebende des Holocaust trifft, spürt den Abgrund, der sie von anderen Menschen trennt. Sie waren in Auschwitz, Buchenwald, Dachau. Sie haben unsägliches Leid erfahren. Der Tod war ihr ständiger Begleiter. 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz gibt es nicht mehr viele Zeitzeugen. Umso wichtiger ist es, ihre Erfahrungen für die Nachwelt zu dokumentieren. Im Gedenken an die Toten, aber auch für den Frieden in der Zukunft. Damit sich die Hölle auf Erden nicht wiederholt.
Reiner Engelmann hat Max Mannheimer, Esther Bejarano, Eva Mozes Kor und sieben weitere Zeitzeugen befragt und ihre Erinnerungen für Jugendliche aufgeschrieben. Ein erschütterndes Zeugnis und ergreifendes Mahnmal wider das Vergessen. Und zugleich ein zutiefst bewegendes Plädoyer für das Leben. Mit schwarz-weiß Fotos und ausführlichem Glossar. (Quelle: cbj)

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Die Gedanken zum Buch

„Wir haben das KZ überlebt.“ Eine gewaltige Aussage, die nur wenige Menschen machen können. Was genau hinter dieser Aussage steckt, welche bewegenden Geschichten und ergreifenden Schicksale sich dahinter verbergen, erzählt Reiner Engelmann in seinem Buch. Er hat mit zehn Zeitzeugen gesprochen, die eine Gefangenschaft in einem Konzentrationslager – oder sogar in mehreren – erlebt und tatsächlich überlebt haben. Zehn wunderbare Menschen, vier Frauen und sechs Männer, die durch die Hölle auf Erden gehen mussten und dennoch nicht daran zerbrochen sind; die zwar tiefe Wunden davongetragen haben, aber ihr Leben „danach“ trotzdem weitergelebt und ihre Stimme gegen die Ungerechtigkeit, den Hass und gegen das Vergessen erhoben haben – für das Erinnern und für den Frieden.

Die Geschichten dieser zehn Zeitzeugen lesen sich wie ein dramatischer und ergreifender Roman, bei dem man den Atem anhält und das Gelesene kaum fassen kann. Man fiebert mit, man leidet mit, man freut sich mit und man weint mit. Wie bei einem Roman. Nur, dass es sich hier nicht um erfundene Geschichten handelt, sondern um persönliche Schicksale und Erfahrungen. Erfahrungen, die so erschreckend und unfassbar sind, dass sie jenseits unserer Vorstellung liegen. Der Autor hat jedem Zeitzeugen ein Kapitel gewidmet, in dem er über dessen Leben berichtet – über die meist unbeschwerte und glückliche Kindheit und Jugend, über die ersten Diskriminierungen und die Progromnacht am 9.11.1938, über die Deportation und über die grausame Zeit in einem Konzentrationslager in Auschwitz, Dachau oder Buchenwald. Sowohl authentisch als auch einfühlsam beschreibt Engelmann den individuellen Umgang eines jeden Betroffenen mit der albtraumhaften Situation und dem furchtbaren Alltag im KZ. Darüber hinaus erzählt er, wie das Leben der zehn Überlebenden nach Kriegsende, nach ihrer Befreiung weiterging. Wie sie mit ihrer Vergangenheit, in der ihnen von den Nazis tiefe Wunden zugefügt wurden, umgegangen sind und immer noch umgehen. Wie sie bewusst wieder aufgestanden sind, ihre eigene Stimme gefunden haben und sich mit dieser Stimme – die frei von Hass und Rachegefühlen ist – gegen Gewalt, Diskriminierung und gegen das Vergessen stellen. Auch heute noch engagieren sie sich für eine Erinnerungs-Kultur, indem sie Vorträge über die Shoah, den Holocaust, halten, Schulen besuchen, sich den Fragen von Teenagern stellen und Führungen durch die Gedenkstätten der ehemaligen KZs begleiten.

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Die eigene Meinung

Tief beeindruckt und gerührt klappe ich dieses Buch zu. Die Geschichten von diesen zehn wertvollen Menschen sind mir unter die Haut gegangen und lassen mich ein Stück weit sprachlos zurück. Schon zuvor habe ich Bücher über den Zweiten Weltkrieg, die Judenverfolgung und die Grausamkeiten der KZs gelesen, mir Filme darüber angeschaut. Diese Thematik ist nicht neu, und doch lässt sie mich keinesfalls kalt, berührt und erschüttert mich immer wieder aufs Neue. Besonders, weil in diesem Buch die wahren Schicksale von Holocaust-Überlebenden dargestellt werden. Und weil die Betroffenen zwar mit Schmerz auf das Geschehene zurückblicken, dabei aber keinen Hass für die Täter empfinden. Vielmehr können sie von sich sagen, dass sie den Nazis vergeben haben – und das finde ich außerordentlich bewundernswert und rührend.

Erna de Vries: „Hass habe ich nie empfunden. Und darüber bin ich ganz froh. Denn Hass ist etwas Zerstörerisches. Er zerstört nicht den, den man hasst, sondern einen selbst.“

Nun mag man einwenden, dass es bereits genügend Literatur und Filmmaterial über den Holocaust gebe. Warum dann noch dieses Werk? Reiner Engelmann beantwortet diese Frage in seinem Vorwort treffend:

Heute leben nicht mehr sehr viele Menschen, die das Grauen überlebt haben, um darüber zu reden. Aber wir brauchen ihre Geschichten, jetzt und in Zukunft noch mehr, wenn die Überlebenden nicht mehr unter uns sein werden. Wir brauchen sie nicht, um neu anzuklagen oder zu verurteilen. Wir brauchen sie als Erinnerung für die Zukunft. Für unsere Zukunft.

„Wir haben das KZ überlebt“ ist ein wichtiges Buch. Ein Buch, das aufwühlt und aufrüttelt und das sicher nicht als leichte Unterhaltungslektüre für zwischendurch geeignet ist. Auch die vom Verlag angegebene Altersempfehlung „ab 12 Jahren“ halte ich für etwas zu niedrig angesetzt, es sei denn, ein erwachsener Leser begleitet den Teenager bei der Lektüre und spricht mit ihm über das Gelesene. Aber trotz des schwer zu verdauenden Inhalts ist dies ein Buch, das ich als Bereicherung empfunden habe und von dem ich wertvolle Erkenntnisse gewonnen habe: Versöhnung mit der Vergangenheit und mit den Tätern des Holocaust ist möglich. Doch die Gräueltaten der Judenverfolgung dürfen sich nicht wiederholen. Ich bin nicht dafür verantwortlich, was geschehen ist, aber ich bin dafür verantwortlich, dass es nicht noch einmal geschieht.

Ich danke den zehn Zeitzeugen, dass sie ihre Geschichten mit uns geteilt haben und Reiner Engelmann, dass er sie aufgeschrieben hat. Danke an Esther Bejarano, Edward Paczkowski, Erna de Vries, Josef Königsberg, Philomena Franz, Heinz Hesdörffer, Karol Tendera, Eva Mozes Kor, Tadeus Sobolewicz und Max Mannheimer.

Der Autor

Reiner Engelmann wurde 1952 in Völkenroth geboren. Nach dem Studium der Sozialpädagogik war er im Schuldienst tätig, wo er sich besonders in den Bereichen der Leseförderung, der Gewaltprävention und der Kinder- und Menschenrechtsbildung starkmachte. Zudem veröffentlichte er Bücher, vorwiegend zu sozialen Brennpunktthemen. Für Schulklassen und Erwachsene organisiert Reiner Engelmann regelmäßig Studienfahrten nach Auschwitz. (Quelle: cbj)

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Das Fazit

„Wir haben das KZ überlebt – Zeitzeugen berichten“ ist ein ergreifendes, aufwühlendes und berührendes Buch über das Schicksal von zehn Holocaust-Überlebenden. Ein Buch, das zugleich erschüttert und beeindruckt. Ein wichtiger Bericht über die Vergangenheit des Holocaust – gegen das Vergessen -, mit einer Perspektive für die Zukunft – für ein friedliches Miteinander.

Herzlichen Dank an cbj für die freundliche Bereitstellung des Lese-Exemplars!

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Die Vernetzung

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2 Gedanken zu “*Rezension* Wir haben das KZ überlebt – Zeitzeugen berichten / Reiner Engelmann

  1. Hallo =)

    Ich bin wirklich begeistert von deiner Rezension! Wirklich gut geschrieben.
    Ich habe das Buch auf der Buchmesse mehrfach in der Hand gehabt. Ich war mir aber einfach nicht sicher, ob ich das Buch wirklich lesen möchte. Ich muss zugeben, dass mir auch kurz der Gedanke kam „Wozu noch ein Buch zu diesem Thema, wo es doch schon so viele gibt?“. Die Frage hast du mir mit dem Zitat beantwortet.
    Die Vernetzung ist ebenfalls eine richtig gute Idee =)

    LG
    Anja

    Gefällt 1 Person

  2. Hallo Anja,

    danke für deinen lieben Kommentar! Wie ich ja in der Einleitung geschrieben habe, lese ich in regelmäßigen Abständen Bücher über den Zweiten Weltkrieg – um mich zu erinnern. Und dieses Buch hatte mich überzeugt, als ich im Inhaltsverzeichnis den Satz „Ich habe den Nazis vergeben“ entdeckt habe. Das hat mich sehr beeindruckt. 🙂

    Liebe Grüße
    von Tina

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