*Rezension* Das Feuerzeichen / Francesca Haig

2015-10-28 13.03.52

Original: The Fire Sermon / aus dem Englischen von Kathrin Wolf / gebunden / 480 Seiten / Heyne / 26.10.2015 / Jugendbuch ab 13 Jahren / Band 1/3 / 16,99 €

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Der Inhalt

Die Geschwister Zach und Cass leben in einer zerstörten Welt, in der nur noch Zwillinge geboren werden. Keiner der beiden kann ohne den anderen überleben, obwohl sie grundverschieden sind – Alphas sind perfekt, während Omegas einen Makel tragen und verstoßen werden. Cass ist eine Omega, und wenn sie frei sein will, muss sie gegen ihren größten Feind kämpfen: ihren Zwillingsbruder Zach. (Quelle: Heyne)

Die Gedanken zum Buch

Wie wird die Welt in vierhundert Jahren aussehen? Wie werden die Menschen dann leben? Wird es friedlich zugehen? Harmonisch? Oder eher konfliktär, kriegerisch, gewalttätig? Diesen Fragen hat sich die Autorin Francesca Haig in diesem dystopischen Roman gestellt – und sie mit einer fesselnden Geschichte um eine junge Frau – Cass – beantwortet. Die zukünftige Welt ist nicht mehr zu vergleichen mit unserer heutigen Zeit. Eine gigantische Explosion hat einen Großteil der Erde zerstört und die Balance der Natur aus dem Gleichgewicht gebracht. Die Menschen leben in mittelalterlichen Verhältnissen, ohne Strom und Technik, als Selbstversorger. Babys werden stets als Zwillingspaar geboren – immer ein Mädchen und ein Junge. Eines der Babys kommt als perfektes, makelloses Menschenkind auf die Welt, das andere mit einem Handikap, einer Behinderung in irgendeiner Form. Die makellosen Kinder haben das Vorrecht, bei ihrer Familie zu bleiben und dort in der privilegierten Gruppe der Alphas aufzuwachsen. Die Kinder, denen ein Defekt anhaftet, bekommen das Brandzeichen der Omegas und müssen ihr Leben mit dieser „niedrigen“ Menschenklasse verbringen – in Armut und ohne Anspruch auf jegliche Rechte. Obwohl alle Zwillingspaare so früh wie möglich getrennt werden und keinen räumlichen Kontakt mehr haben, sind sie doch unwiderruflich miteinander verbunden und voneinander abhängig: Wird ein Zwilling krank, so erkrankt auch der andere, wird einer verletzt oder verwundet, kann der andere die Wunde spüren. Und muss einer sein Leben lassen, so verstirbt auch sein Zwilling.

Die Protagonistin Cass, die den Roman aus ihrer Sicht erzählt, ist eine Omega. Da ihr Makel nicht auf den ersten Blick sichtbar ist, wird sie erst im fortgeschrittenen Alter von ihrer Familie und ihrem Zwillingsbruder Zach getrennt, der von nun an ihr größter Gegner ist. Cass möchte sich nicht mit dem Klassensystem der Alphas und Omegas abfinden und setzt all ihre Energie daran, dieses ungerechte und grausame System auf ihre Art zu bekämpfen. Zwischen den Zeilen spürt man, dass Cass sich eigentlich nach einer Verschmelzung, einer Wiedervereinigung der beiden Klassen sehnt, nach einem Miteinander statt einem Gegeneinander. Doch die Kategorien der Alphas und der Omegas sind mittlerweile so tief in der Gesellschaft verwurzelt, dass die Menschen nicht mehr umdenken können oder wollen.

Und somit beantwortet die Autorin zwar einerseits die Fragen nach der Zukunft und die der zukünftigen Welt, stellt aber andererseits eine wichtige Frage in den Raum: Müssen Menschen, die sich durch Perfektion und Makel unterscheiden, zwangsläufig in einer Klassengesellschaft leben?

Die eigene Meinung

Diese Frage habe ich mir beim Lesen dieses packenden Jugendbuches gestellt. Was würde passieren, wenn die Menschheit zu jeweils 50 Prozent makellos, beziehungsweise gehandicapt wäre? Würde das zu einer Zweiteilung der Gesellschaft führen? Würden die Menschen, die einen Makel besitzen, diskriminiert und abgeschoben? In der Welt von Cass und Zach ist dies der Fall. Und es hat mich tief beeindruckt, wie anschaulich, eindrücklich und stimmig Francesca Haig mit der Stimme von Cass diese Welt darstellt und beschreibt. Man spürt als LeserIn förmlich die Ungerechtigkeit und Diskriminierung, die Verzweiflung und manchmal auch Resignation der Omegas. Die Autorin geht in die Tiefe bei ihren Schilderungen und Erklärungen, sie erzählt Cass´ Geschichte zwar mitreißend, lässt sich aber Zeit beim Erzählen. Außerdem verzichtet sie – trotz einer anschaulichen Darstellung – auf ausführliche Gewaltszenen oder detaillierte Brutalität. Auch die kleine Liebesgeschichte, die sich eher am Rande abspielt, kommt völlig ohne Kitsch und ohne Erotik aus. Und trotzdem hat mal als LeserIn nicht das Gefühl, das etwas fehlt. – Ganz im Gegenteil, ich habe die Konzentration der Autorin auf die dystopische Welt und das Klassensystem als stimmig und sogar bereichernd empfunden.

Ich mag dystopische Bücher, die sich mit einer zukünftigen – meist düsteren – Welt beschäftigen und die eine Version einer Gesellschaft in der Zukunft schildern, da dies oft ein Spiegel unserer heutigen Zeit ist, eine Möglichkeit oder sogar Gefahr, wie und wohin sich unsere Gesellschaft entwickeln kann. Und so hat mich Francesca Haigs Version von der Zukunft und dem totalitären Klassendenken bewegt und dazu motiviert, meine Mitmenschen nicht mit einem Stempel zu versehen, zu kategorisieren und in eine Schublade zu stecken – egal welches „Brandzeichen“ sie auch tragen mögen.

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Die Autorin

Francesca Haig wuchs in Tasmanien auf und promovierte in Literaturwissenschaften an der Universität Melbourne. Wenn sie nicht gerade an ihren eigenen Texten arbeitet, unterrichtet sie Kreatives Schreiben an der Universität von Chester. Für ihre Gedichtsammlungen wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet. Mit Das Feuerzeichen legt sie nun ihre erste Romantrilogie vor. Francesca Haig lebt mit ihrer Familie in London.                 (Quelle: Heyne)

Das Fazit

„Das Feuerzeichen“ ist ein mitreißender, dystopischer Jugendroman, der sowohl gute und spannende Unterhaltung zu bieten hat, als auch – aufgrund seiner Thematik – zum Mitdenken, Nachdenken und Weiterdenken einlädt. Zu empfehlen für junge LeserInnen ab 13 Jahren und darüber hinaus, die sich mit der Zukunft beschäftigen und sich gerne in anspruchsvolle und fesselnde Dystopien vertiefen.

Herzlichen Dank an heyne›fliegt für die Bereitstellung des Lese-Exemplars!

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Die Trilogie

„Das Feuerzeichen“ ist der erste Band einer Trilogie, deren Fortsetzungen im Februar und Oktober 2016 erscheinen werden.

Francesca Haig - Das Feuerzeichen - Rebellion       Francesca Haig - Das Feuerzeichen - Rückkehr

6 Gedanken zu “*Rezension* Das Feuerzeichen / Francesca Haig

  1. Wow, das Buch klingt super spannend!
    Eigentlich hatte ich mich nie wirklich dafür interessiert (obwohl, oder vielleicht gerade weil es momentan auf vielen Blogs erscheint). Hier habe ich mich mal entschieden mir die Rezension durchzulesen. Ich finde sie nämlich wirklich gut geschrieben, ich mag es wie du deine Gedanken und Meinung so toll ausgedrückt hast.

    Nun habe ich aber ein Problem…
    Ich will das Buch auch lesen! 😀
    Das muss jetzt wohl aber erst einmal warten. Zu viele andere Bücher haben bei mir momentan Vorrang.

    Liebe Grüße,
    Lena

    Gefällt 1 Person

  2. Hallo Lena,

    danke dir für deine lieben Worte! 🙂 Das Buch ist wirklich sehr lesenswert, wenn es auch nicht so spannend ist wie beispielsweise „Die Tribute von Panem“. Dafür hat es aber ein bisschen mehr Tiefgang.

    Mir geht es auch ständig so, dass es einfach zu viele tolle Bücher gibt, die ich gerne lesen würde und mich dann auf eine bestimmte Auswahl beschränken „muss“… Naja, aber besser so als andersherum. 😉

    Ich wünsche dir viel Spaß mit deinen Lese-Vorhaben und viele schöne Lesestunden!

    Liebe Grüße
    von Tina

    Gefällt mir

  3. Liebe Tina,

    ich finde es besonders spannend, dass die Geschichte so viel Tiefgang hat. Bei den Tributen geht es ja doch mehr um das Spiel, die Charaktere und die Beziehungen untereinander. Ich hoffe, ich kriege das Buch schon bald in die Hände 🙂 Vorher gibt es aber auch bei mir noch einige andere (tolle) Bücher zu lesen… 😉

    Danke für diese wunderbare Rezension! Ich mag deinen Stil und den Aufbau sehr 🙂

    Liebe Grüße,
    Anna

    Gefällt 1 Person

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