*Rezension* Die Straße der Geschichtenerzähler / Kamila Shamsie

384 Seiten / Berlinverlag / 30.03.2015 / Original: A God In Every Stone / 19,99€

Der Klappentext

Ein junge Engländerin reist 1914 zu Ausgrabungen nach Labraunda und begegnet dort dem Archäologen Tahsin Bey. Vor dem Hintergrund antiker Ausgrabungen und den Wirren des Ersten Weltkriegs entfaltet sich eine vergangene Zeit, eine exotische Welt und vor allem die Geschichte einer großen Liebe. (Quelle: Berlinverlag)

Der Inhalt

Juli 1914. Über antike Pflastersteine, unter Feigen und Zypressen hindurch, läuft Vivian Rose Spencer eilig den Hang hinauf und stolpert fast unversehens in ihre erste Entdeckung. Tahsin Bey, ein Freund ihres Vaters, hat die junge Engländerin eingeladen, an Ausgrabungen in der Türkei teilzunehmen. Hier, im sagenhaften Labraunda, lässt sie die strengen Konventionen ihrer Heimat weit hinter sich und wird auch Tahsin Bey auf ganz neue Weise begegnen. Juli 1915. Der Krieg hat alles verändert. Vivian folgt einer Spur ihres verschwundenen Geliebten, als sie in einem Zug nach Peschawar den jungen, im Krieg verwundeten Paschtunen Qayyum Gul trifft. Beide ahnen nicht, dass ihre Geschicke sich auf immer verbinden und sie eines Tages, auf der Straße der Geschichtenerzähler, wieder zusammenführen werden. Der Geruch nach Tabak, Erde und Feigen, das strahlende Licht Kariens – Kamila Shamsie hat einen ebenso sinnlichen wie fesselnden Roman über Liebe und Verrat, über Unterdrückung und das Streben nach Freiheit geschrieben. (Quelle: Berlinverlag)

Die Gedanken zum Buch

„Die Straße der Geschichtenerzähler“ handelt von der jungen Britin Vivian Rose Spencer – einer leidenschaftlichen Archäologin – sowie von den beiden Brüdern Najeeb und Qayyum Gul, die in Peschawar leben. Zunächst begleiten wir die Protagonistin Vivian – kurz Viv genannt – nach Labraunda, einer Ausgrabungsstätte in der Türkei, die Viv im Jahr 1914 erstmalig besucht. Hier kann sie nicht nur ihrer Liebe zur Archäologie nachgehen, sondern findet auch die Liebe ihres Lebens – Tahsin Bey. Ihr beider Glück wird jedoch jäh unterbrochen, als der Erste Weltkrieg ausbricht und Viv ohne ihren Geliebten zurück nach England reisen muss. Fortan dient sie ihrem Heimatland als Krankenschwester, bis sie das Leid und Elend des Krieges und der Verwundeten nicht mehr ertragen kann und ihre Mutter sie zur Erholung nach Peschawar – das damals zu British India gehörte – schickt. Auf der Reise dorthin begegnet Vivian im Zug dem jungen Paschtunen Qayyum Gul, einem Einwohner Peschawars. Dieser befindet sich gerade auf der Rückreise in seine Heimat, nachdem er im Krieg für die Briten gekämpft hat und verwundet wurde. Während Qayyum nach seiner Rückkehr als Schreiber tätig ist, genießt Vivian das ruhige und exotische Leben in der Stadt, fernab vom Kriegsgeschehen. Außerdem lernt sie den zwölfjährigen Najeeb kennen, unterrichtet ihn der Geschichte des Landes sowie in Archäologie und übt somit großen Einfluss auf den Jungen und seine Zukunft aus. Im zweiten Teil des Buches springen wir dann ins Jahr 1928. Najeeb ist mittlerweile in Vivians Fußstapfen getreten und arbeitet als Indian Assistant für das Peschawar Museum. Viv lehrt als Archäologie-Dozentin an der Londoner Universität und Qayyum hat sich der Friedensbewegung von Ghaffar Khan angeschlossen, die gewaltfrei gegen die britische Kolonialmacht in British India kämpft. Nachdem Najeeb wieder Kontakt zu Vivian aufgenommen und sie gebeten hat, ihn bei Ausgrabungen zu unterstützen, reist diese erneut nach Peschawar. Kurz nach ihrer Ankunft – noch bevor die beiden sich wiedersehen können – ereignet sich jedoch ein folgenschwerer Zwischenfall in der Straße der Geschichtenerzähler…

Ich habe den Inhalt so ausführlich beschrieben, da die Inhaltsangabe des Verlags ein wenig irreführend ist. Bei „Die Straße der Geschichtenerzähler“ handelt es sich nämlich keineswegs um einen typischen Liebesroman, wie im Klappentext angedeutet wird. Die Beziehung von Vivian Spencer und Tahsin Bey wird nur kurz angerissen und endet dann abrupt bei Beginn des Ersten Weltkrieges. Auch Najeeb Gul wird im Klappentext nicht erwähnt, obwohl er in der Geschichte eine große Rolle spielt. Insgesamt fällt es mir schwer, das Buch von Kamila Shamsie in eine Kategorie – in ein Genre – einzuordnen. Es besitzt nur wenige Charakterzüge einer Liebesgeschichte, dafür umso mehr die eines historischen Romans und weist zudem einige geschichtlich politische Bezüge auf.

So ist beispielsweise Vivian als Frau ihrer Zeit weit voraus – sie ist intelligent und gebildet, unternimmt ganz selbstständig lange Reisen und unterrichtet als eine der wenigen weiblichen Dozentinnen an einer Universität. Ihr Charakter stellt somit das „neue“ und fortschrittliche Frauenbild der Zwanziger Jahre dar. Najeeb Gul fällt in ähnlicher Weise auf, da er äußerst wissbegierig und weltoffen ist und ganz im Gegensatz zu seinem Bruder und seinen Verwandten einen intellektuellen Beruf ausübt. Aber auch Qayyum Gul ist ein außergewöhnlicher Charakter. Er setzt sich für die Unabhängigkeit und Freiheit seines Landes ein, ohne dabei Gewalt anzuwenden oder gar zu einer Waffe zu greifen. Diese Art des friedlichen Widerstands war für einen Paschtunen zur damaligen Zeit durchaus unüblich und hat tatsächlich Geschichte geschrieben. So stehen alle drei Protagonisten für das Thema „Veränderung“ – jeder auf seine Weise.

Die Geschehnisse werden (größtenteils) aus der Sicht der Hauptfiguren erzählt. Dafür setzt die Autorin die auktoriale Erzählweise ein, und wir begleiten Viv, Najeeb und Qayyum nur als Zuschauer und haben dabei kaum Einblick in ihre Gefühls- und Gedankenwelt. Kamila Shamsie wahrt somit eine gewisse Distanz zu den Charakteren und deren Erlebnissen. Der Schreibstil der Autorin ist überwiegend anspruchsvoll, das Sprachregister gehoben. Die Sprachwahl und Ausdrucksweise der Charaktere entspricht der damaligen Zeit und wirkt dadurch sehr authentisch. Allerdings benutzt Kamila Shamsie eine so große Vielzahl an Fremdwörtern und fremdsprachigen Begriffen, dass es an manchen Stellen schwierig ist, der Handlung zu folgen. Hier wäre ein Glossar mit Übersetzungen und Erklärungen hilfreich gewesen.

Die eigene Meinung

Ich habe lange gebraucht, um den Roman zu beenden. Denn „Die Straße der Geschichtenerzähler“ ist ein Buch, das mit Bedacht gelesen werden will. Es ist kein sogenannter Page-Turner, den man auf die Schnelle verschlingt – es hat vielmehr meine volle Aufmerksamkeit und Konzentration verlangt. Zwischendurch habe ich ein wenig im Internet über die geschichtlichen Hintergründe Pescharwars recherchiert, um die Zusammenhänge im Buch besser verstehen zu können. Dies hat zwar meinen Lesefluss deutlich unterbrochen, meinen Horizont jedoch erweitert. Und ich finde, das macht gute Literatur aus – wenn sie uns zum Nach- und Weiterdenken herausfordert und für eine Horizonterweiterung sorgt. Auch, wenn ich mich mit dem Schreibstil der Autorin manchmal schwer getan habe, so habe ich es doch genossen, Vivian, Najeeb und Qayyum in „Die Straße der Geschichtenerzähler“ zu folgen. Kamila Shamsie hat ein riesiges Talent, die Umgebung ausdrucksstark und sinnlich zu beschreiben und uns auf eine „Lese-Reise“ in den Orient mitzunehmen. Beim Lesen konnte ich das orientalische Flair in Form von Gerüchen, Geschmacksrichtungen und anderen Details beinahe greifbar spüren. Und ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie die Männer in der Straße der Geschichtenerzähler ihre Badalas (= Geschichten) vortragen.

Es gibt sie übrigens wirklich – die Straße der Geschichtenerzähler in Peschawar. In der Realität war sie unter anderem Schauplatz von Gräueltaten britischer Soldaten. Im Buch zieht sie sich wie ein roter Faden durch die Handlung, denn immer wieder treffen wir in dieser Straße auf die Protagonisten. Und am Schluss des Buches dürfen wir als Leser einige aufwühlende Szenen miterleben, die sich in der Straße der Geschichtenerzähler abspielen.

Die Autorin

Kamila Shamsie wurde 1973 in Karatschi, Pakistan, geboren und lebt in London und Karatschi. Im Berlin Verlag erschienen bisher »Kartographie« (2004), »Verbrannte Verse« (2005), »Salz und Safran« (2006) und »Verglühte Schatten« (2009). Shamsie schreibt regelmäßig für den »Guardian« und erhielt für ihr literarisches Werk zahlreiche Preise, u.a. wurde sie 2013 als »Granta Best of Young British Novelists« ausgezeichnet. (Quelle: Berlinverlag)

Das Fazit und die Bewertung

„Die Straße der Geschichtenerzähler“ bietet anspruchsvolle Unterhaltung – mit einer eindrucksvollen Geschichte, die auf historischen Ereignissen basiert, mit starken und mutigen Charakteren, die sich nicht vor Veränderung scheuen und mit jeder Menge orientalischem Flair.

 

Hier geht´s zur Verlagsseite: *klick*

Und hier zur Leseprobe: *klick*

     2015-04-19 16.43.06

      

Vielen Dank an vorablesen und an den Berlinverlag für die freundliche Bereitstellung des Lese-Exemplars!

6 Gedanken zu “*Rezension* Die Straße der Geschichtenerzähler / Kamila Shamsie

  1. Wie verschieden diese Schreibe doch wirkt. Ich habe auch kürzlich das Buch gelesen, die Rezi wird nächste Woche erscheinen….aber ich konnte kaum orientalisches Flair spüren. Es war mir zu objektiv, zu sachlich, zu berichtend…
    Aber du hast recht, Google und Co haben sich als sehr nützlich erwiesen und somit konnte man auch eine Menge lernen 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Es ist echt interessant, wie verschieden die Geschmäcker und das Empfinden sind. 🙂 Ich habe gerade bei diesem sachlichen, berichtenden Erzählstil den orientalischen Flair spüren können. 😉 Ich mag es nämlich nicht so gerne, wenn Romane in ihrer Sprache zu überladen und zu blumig sind – und damit zu viele Gefühle vorgeben. Aber ich bin mal sehr auf deine Rezi gespannt!

      Gefällt 1 Person

  2. Tolle Rezension!
    Auf meinem Blog läuft aktuell ein Gewinnspiel und ich dachte mir, ich lade dich einfach mal dazu ein. Vielleicht hast du ja Lust, vorbeizukommen und nachzuschauen, ob das zu verlosende Buch dich interessiert. Ich würde mich jedenfalls sehr freuen!

    Ganz viele liebe Grüße, Rainbow ☼♥
    walkingaboutrainbows.blogspot.com

    Gefällt 1 Person

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